Resistente Schule - Resilienz in der Schule – Simone Kriebs

Resilienz und Achtsamkeit in der Schule: Impulse für Lehrkräfte und Schulleitungen

Durch Resilienz und Achtsamkeit in der Schule dem Hamsterrad aus chronischem Stress und Druck entkommen? Mehr Gelassenheit und Verständnis im Schulalltag – für Lehrpersonal und Schüler? Ein friedvoller Ort des Lernens, in dem echtes Vertrauen und Zusammenhalt gelebt werden? Kein Traum, sondern definitiv möglich. Was es dafür meiner Ansicht nach braucht? Darüber schreibe ich in diesem Artikel.

Die Idee von einer achtsamen Schule beginnt für mich bei der inneren Haltung. Es ist wie ein guter Geist, der durch die Schule schwebt. Mit sich, seinen Gefühlen und Bedürfnissen achtsam zu sein, fördert Hilfsbereitschaft und Kooperation und schafft ein Klima der Friedfertigkeit. Das bedeutet nicht, dass es keine Konflikte mehr gibt. Konflikte gehören zum Miteinander wie das Salz in die Suppe. Doch ein achtsames Bewusstsein für sich selbst und sein Gegenüber ermöglicht es, eine Klarheit für die eigenen inneren Prozesse und eine mitfühlende Empathie für sein Gegenüber zu bekommen.

Doch nicht nur auf der zwischenmenschlichen Ebene kann sich durch Achtsamkeit in der Schule viel verändern – auch in Bezug auf schulische Leistungen kann dies zu einem großen Wachstumsschub führen. Lernen ist immer ein innerer Prozess und dieser läuft am besten ab, wenn wir uns innerlich wohlfühlen und angstfrei sind. Laut Studien gehen rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler mit Angst zur Schule. Angst, die Leistungen nicht erbringen zu können, als dumm zu gelten, nicht genug zu sein, nicht dazuzugehören und vieles mehr. Aus neurobiologischer Sicht sind Stresshormone, die durch diese Daueranspannung ausgeschüttet werden, geradezu Gift fürs Gehirn. Bei länger anhaltenden Angstphasen führt es unter anderem zu Konzentrationsschwierigkeiten, innerer Unruhe, Gewichtszunahme, körperlichen Symptomen und einem messbaren Nachlassen der Intelligenz.

In einer achtsamen Schule stehen für mich die Menschen im Mittelpunkt – nicht die curricularen Vorgaben. Es geht mehr und mehr darum junge Menschen dahin zu begleiten eine gestärkte Persönlichkeit zu entfalten, um den neuen Herausforderungen der Zeit gewachsen zu sein. Dafür brauchen die Erwachsenen von morgen mehr als reine Wissensvermittlung. Ich denke, das war schon immer so, denn wenn man sich die rasant wachsende Zahl der psychosomatischen und psychischen Erkrankungen anschaut, kommt das ja nicht von ungefähr. Gehorsam und Funktionieren ist nicht das, was uns gesund erhält. 

Um sich selbst in ihrer eigenen Persönlichkeit weiterzuentwickeln, brauchen Lehrkräfte ausreichend Unterstützungsangebote. Sie sollten darin geschult werden, wie das Gehirn funktioniert, was Glaubenssätze sind, welchen Einfluss wir auf diese haben und wie sie mit ihren eigenen Emotionen besser umgehen können. Achtsamkeit in der Schule fängt bei mir im Lehrerzimmer und bei jeder einzelnen Lehrkraft an – und allen voran bei der Schulleitung.

Resilienz im Schulalltag

Resilienz bedeutet nichts anderes als eine hohe Widerstandsfähigkeit zu haben und aus Herausforderungen gestärkt hervor zu gehen. Es gibt unterschiedliche Säulen, die das Fundament einer resilienten Schule bilden:

Akzeptanz
Zu verstehen, dass jeder seine eigene Lebenswirklichkeit hat, ist die Basis von Akzeptanz. Dafür brauchen wir ein besseres Verständnis für neurobiologische Prozesse sowie für innere Lern- und Verarbeitungsstrukturen des Gehirns. Außerdem dafür, wie negative Glaubenssätze verändert werden können und wie tiefgreifend sich Kommunikation (bewusst und unbewusst) auf die zwischenmenschliche Beziehung auswirkt.

Viel Energie geht im Schulalltag verloren, da wir gegen die Realität kämpfen. Akzeptanz bedeutet nicht, sein Einverständnis zu geben – es bedeutet anzunehmen, was ist, und den Blick auf das zu Lenken, was möglich ist, anstatt auf das, was bereits vorbei ist. 

Eine resiliente Schule bietet Lernfelder, in denen es nicht ums Vergleichen, sondern um Verständnis und Annahme geht, um so eine Lebenswirklichkeit des wertschätzenden und friedfertigen Miteinanders zu gestalten. Konzeptionell arbeite ich da mit den Elementen: Achtsamkeit, Mental-Coaching, Glück und Dankbarkeit.

Optimismus
Glaube ich, dass es besser geht oder dass es besser nicht geht? Denke ich, die Bedingungen (Schüler, Eltern, Anforderungen) werden immer schlimmer? Oder Schüler werden immer dümmer? Dann werde ich auch genau diese Wirklichkeit erzeugen. Eine positive Einstellung der Lehrkräfte gegenüber ihrer Schüler lässt diese auch zu Höchstleitungen anspornen. Optimismus lenkt meine Aufmerksamkeit auf die Dinge, die gelingen und die möglich sind, und fördert Kreativität und Lösungsfindung. 

Eine resiliente Schule hat die Grundhaltung, dass jeder Mensch alles in sich trägt, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Besonders, wenn es mal gerade nicht so läuft, stärkt diese Schule ihre Kinder darin, dass es zum Leben dazu gehört. Dass es nicht immer geradlinig läuft, sondern jeder Mensch seine Herausforderungen hat. Anstatt in Förderprogramme und Schwarzmalerei zu verfallen, wird die Stärkung der Persönlichkeit des Schülers in den Vordergrund gerückt. Optimismus braucht Vertrauen darin, dass nicht die Noten alleine etwas über den Lebensweg aussagen und dass nicht alle zur gleichen Zeit dasselbe können, dass Entwicklung nicht linear verläuft. Eine positive Grundeinstellung in die Fähigkeiten eines jungen Menschen wirken sich sehr stärkend auf seine Resilienz aus.

Selbstwirksamkeit
Viele Schüler fühlen sich heutzutage eher verwaltet als selbstwirksam. Oft wird ihnen Verantwortung für Entscheidungen abgenommen. Wenn ich nicht eingebunden bin, dann kann ich auch nichts entscheiden. Eine resiliente Schule achtet darauf, dass ihre Schüler nicht nur „selbstwirksam“ ihre Arbeitsblätter ausfüllen, sondern dass sie sich als wirkungsvoll in der Gemeinschaft und im Leben fühlen. 

Resiliente Schulen fragen sich, an welchen Stellen sich schulische Strukturen verändern lassen, damit ihre Schüler sich selbstwirksam fühlen. Selbstwirksamkeit wird auch in sozialen Projekten und durch außerschulische Lernbereiche unterstützt – beispielsweise die Gestaltung des Sozialraumes, Lösungen für Stadtteilprobleme zu erarbeiten oder aktiv Unterstützer in einem Sozialprojekt zu sein. Theoretisches Wissen anhand von Projekt- und Epochenunterricht mit praktischen Herausforderungen anzuwenden, vertieft die Lerninhalte langfristig und stärkt die Selbstwirksamkeit.

Buch "Resilienz in der Schule" von Simone Kriebs

Eigenverantwortung
Zu erfahren, dass sich mein Lebensweg durch meine getroffenen Entscheidungen gestaltet, können wir nicht früh genug lernen. Eigenverantwortung verändert sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Ist der eigenverantwortliche Raum bei Kleinkindern noch recht eingeschränkt, so wird er mit zunehmendem Alter größer. Verantwortungsbereiche sind ein ganz wichtiger Punkt in meinen Fortbildungen bei Lehrern und Eltern. Wann befinde ich mich in meinem Verantwortungsbereich und wann in dem des anderen? Dazu braucht es Auseinandersetzung mit der inneren Haltung. Eigenverantwortung lässt sich am besten fördern, indem wir Erwachsenen diese vorleben – und dafür benötigen wir ein in Verständnis für die persönlichen Lernerfahrungen und die daraus entstandenen Handlungsmuster. Einzelcoachings und Supervision sind daher in einer resilienten Schule fester Bestandteil des Alltags.

Netzwerkorientierung
Eine resiliente Schule weiß, dass sie keine einsame Insel ist. Sie nutzt den Sozialraum und Kooperationspartner, um Schule Teil der normalen Lebenswirklichkeit der Schüler werden zu lassen. 

Lösungsorientierung
Schule unterliegt recht umfangreichen Vorgaben. Dadurch wird manchmal der Anschein erweckt, dass selbst initiierte Veränderungen in der Schule nicht umsetzbar sind. In der Begleitung von Schulen wird aber immer wieder deutlich, dass viele Vorgaben Auslegungssache sind und es oft mehr Möglichkeiten gibt, als es auf den ersten Blick erscheint. Eine resiliente Schule sucht nach den Ausnahmen, den Lücken und den Möglichkeiten, anstatt sich von den Vorgaben abhalten zu lassen. Veränderung benötigt Querdenken und den Mut andere Wege zu gehen. Wenn eine Schule also ein bestimmtes Ziel hat, dann sollte sie sich fragen: „Was muss geschehen, damit wir dieses Ziel umsetzen können? Welche Schritte können wir einleiten?“

Zukunftsorientierung
Eine resiliente Schule denkt langfristig und hat eine gemeinsame Vision davon, wo sie hin will. Beispielsweise eine Schule, in der Gemeinschaft und Wohlbefinden an erster Stelle stehen. In der alle traurig sind, dass es Ferien gibt. Bei einer gemeinsamen Vision geht es weniger um kurzfristige Befindlichkeiten als um die große Sache dahinter.

Achtsamkeit ist nicht gleich Resilienz

Resilienz greift ein wenig weiter als Achtsamkeit in der Schule. Achtsamkeit ist für mich ein Bestandteil oder ein Schlüssel zu einer gestärkten Resilienz. Ein starres Konzept passt nie auf jede Schule. Es sind immer Grundelemente, die sich angleichen lassen. Eine resiliente Schule beginnt bei mir im Lehrerzimmer, denn dort sind die Menschen, die Schule aktiv gestalten. Dafür benötigen Lehrkräfte und Schulleitungen Unterstützung und Begleitung, um die eigene innere Haltung zu entwicklen, die zu einem resilienten Schulkonzept passen.

Das können gestresste Lehrer tun

Erst einmal: Ruhe bewahren. Denn wenn unser inneres Stresslevel zu hoch ist, können wir meist keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wir befinden uns in einer vermeintlichen Notsituation, in der wir noch genau drei Dinge können – und klares Abwägen gehört nicht dazu. Stattdessen verfallen wir in Anklagen, Rückzug oder Resignation.

In herausfordernden Zeiten ist es wichtiger denn je für sich zu sorgen. Verantwortung für sich selbst und die eigenen Gefühle zu übernehmen. Dadurch lassen sich Lösungswege erkennen und die eigene Selbstwirksamkeit stärken – anstatt in alte Automatismen zu verfallen und den Schuldigen für unangenehme Gefühle im Außen zu suchen, so als hätte das, was um uns herum geschieht, nichts mit uns selbst zu tun. Selbstverständlich gibt es äußere Bedingungen, die sich gerade verändern, doch wie wir diese bewerten, welche Gedanken wir verfolgen oder worauf wir unseren Fokus richten, hat letztlich mit uns selbst zu tun. 

Unsere inneren Antreiber, Ängste und Unsicherheiten prägen ganz maßgeblich, wie wir Situationen interpretieren und uns verhalten. Ist uns dies einmal bewusst, dann haben wir plötzlich Einfluss und fühlen uns den Ereignissen nicht mehr so ausgeliefert. Denn schließlich haben wir die Wahl, welcher Mensch wir in der Krise sein möchten. Es liegt mir fern Schuldzuweisungen zu machen, vielmehr empfehle ich Lehrkräften und auch Eltern sich bewusst zu machen, dass sie nicht Opfer ihrer Umstände sind, sondern aktive Gestalter ihrer Wirklichkeit.

Ich empfehle Lehrkräften stets sich in der persönlichen Weiterentwicklung zu schulen. Nicht nur in Zeiten von Corona ist es meiner Ansicht nach die beste Prävention für einen entspannteren Umgang mit stressigen Herausforderungen, die der Job und das Leben mit sich bringen.

Ein weiterer Schritt, um uns selbst wieder ins innere Gleichgewicht zu bringen, ist es, zu akzeptieren, was wir nicht ändern können. Wie gerne regen wir uns Stunden, Tage oder gar Wochen über etwas auf, das schon längst vorüber ist oder worauf wir gar keinen Einfluss haben. Die Wetterlage, unangemessene Reaktionen von Mitmenschen oder politische Entscheidungen sind Beispiele dafür. Wenn ich auf der Suche nach einer Lösung dafür bin, dass etwas im Außen nicht mehr passiert, mache ich mich selbst unglücklich, da ich es nicht kontrollieren kann. Ob Eltern mir beispielsweise spät abends noch Mails schicken oder versuchen mich telefonisch zu erreichen, werde ich vermutlich trotz aller Hinweise und Erklärungen nicht immer vermeiden können. Auch dass sich ein Kollege oder ein Schüler sich uns gegenüber respekt- oder rücksichtslos verhält, liegt nicht in unserer Macht.

Doch wenn wir ehrlich sind, sind diese Momente sehr kurz im Vergleich dazu, wie lange wir innerlich daran festhalten. Immer wenn wir mit der Realität streiten, also nicht anerkennen wollen, dass das, was passiert ist, nunmal passiert ist, verschwenden wir unsere Energieressourcen. Wir lenken unseren Fokus auf etwas, das nicht mehr zu ändern ist. Das strengt an und führt zu einem ausweglosen Unterfangen. Wenn wir stattdessen unseren Fokus auf die Dinge legen, die in unserem Handlungsspielraum liegen, dann setzen wir innerlich Energie frei, die wir nutzen können, um Lösungen zu finden. Es stärkt unsere Selbstwirksamkeit und erinnert uns daran, dass wir immer die Wahl haben. Die Wahl, wie wir mit dem, was das Leben uns bietet, umgehen wollen.

Unserem Gegenüber geht es nicht darum uns anzugreifen. Es zeigt, dass dies die einzige Art und Weise ist, wie es ihm gerade möglich ist, für sich und seine Bedürfnisse zu sorgen. Vielleicht, weil es sich angegriffen fühlt oder befürchtet, nicht ernst genommen, gesehen oder gehört zu werden. Auch wenn das nie unsere Intention war.

Erlauben wir uns, das zu erkennen, dann führt das zu einem weiteren, sehr wesentlichen Effekt: Wir hören auf, uns zu rechtfertigen und zu verteidigen oder den anderen anzugreifen. Wir beginnen hinzuhören und versuchen zu verstehen. Schuldscheine zu verteilen führt nur dazu, dass ein Konflikt aufrecht gehalten wird. Mitgefühl und echtes Interesse daran, den anderen zu verstehen, schafft eine friedfertige Atmosphäre.

Weiterführende Informationen

Wer sich tiefer ins Thema einlesen möchte, dem lege ich mein Buch „Resilienz in der Schule – Wie Kinder stark werden” ans Herz. Mit neurobiologischem Hintergrundwissen und vor allem praktischen Übungen unterstützt dieses Buch Lehrer in der Entwicklung ihrer Resilienz und bietet ihnen Ideen und Anregungen für die Resilienzförderung ihrer Schüler und Schülerinnen.

Darüber hinaus habe ich auf meinem YouTube-Kanal einige Videos zum Thema Resilienz veröffentlicht – und bin auch mit einer achtteiligen Video-Reihe auf dem Kanal BildungsTV vertreten.

 

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